Mein Landleben & anderes (11)

Raunächte oder Das Gewicht der Tage

Hat sich schon mal jemand körperlich mit diesem Wort beschäftigt? Raunächte. Wenn man dieses Wort durchkaut, seinem Klang nachlauscht und dann die einzelnen Buchstaben auf der sich zusammenziehenden Haut des Unterarms spürt, weiß man Bescheid. Raunächte. Das hat etwas Mystisches, wie eine Geistererscheinung. Raunächte. Aller Glauben unserer Altvorderen steigt in uns hoch. Auch solcher, von dem wir noch nie etwas gewusst haben und von dem wir nie etwas wissen wollten. Aber so ist das halt, niemand kann sich die Phantasien seiner Ahnen aussuchen.

An einem dieser Morgen nach einer solchen Nacht sitze ich in der Küche, schlürfe meinen Espresso und blättere in einigen Büchern. Schließlich war gerade Weihnachten. Luise kommt maulend herein und ich strahle sie mit meinem „Schatz-hast-du-gut-geschlafen“-Lächeln an. Meist hilft das, heute nicht, sie ignoriert mich: „So ein Mist, jetzt bin ich schon angezogen.“ Oh ja, das finde ich auch schade. So ein nacktes Weib am Morgen vertreibt schließlich alle Sorgen. Sage ich aber nicht laut, sondern vorsichtig: „Warum ist das denn so schlimm?“ „Ich wollte mich auf die Waage stellen.“ Ich ahne Dramatisches und beschwichtige cool: „He, für dein Alter siehst du richtig gut aus.“ Sie funkelt mich an: „Damit hat das nichts zu tun, du ahnungsloser Schleimer!“ Oh, das ist hart. In der Regel geht meine Trollfrau sehr liebevoll mit mir um, wenn wir allein sind. Ich richte mein geknicktes Ego innerlich wieder auf, verzeihe ihr wegen der Morgenstunde und wende ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu: „Du hast Recht. Bitte erkläre mir das Problem.“ Sie setzt sich mit an den Küchentisch: „Na gut, aber nur, wenn Du es wirklich willst.“ Ich nicke eifrig.

Daraufhin erzählt sie mir sehr ausführlich, dass in den Schriften heilkundiger Frauen fortwährend davon die Rede ist, die Zeit bis Epiphanie nicht gering zu schätzen. Im Gegenteil, es sei der geeignete, nein, der notwendige Zeitpunkt, das Gewicht der Tage los zu werden. Mit hochgezogenen Augenbrauen, dazwischen zwei steile Falten, durchbohrt ihr Blick direkt mein naives Staunen. Ich verstehe und senke meinen Kopf. Verstohlen blicke ich an der kugeligen Wölbung meines Bauchs hinunter. Aber ich muss reagieren: „Und wie wär’s, wenn du dich einfach jetzt so auf die Waage stellst. Dann ziehen wir das Gewicht deiner Hose und deines Pullovers ab, und schon weißt du Bescheid.“ Oh, ich hätte nichts sagen sollen, einfach nur staunen, mehr nicht. Ihre Gesichtszüge verhärten sich, dann lockern sie sprunghaft wieder auf und sie beginnt zu lachen. Währenddessen steht sie auf, kommt um den Tisch herum und nimmt meinen Kopf in ihre Arme. „Ach, du hast ja echt keine Ahnung“, flüstert sie mir von oben herab ins Ohr. „Das ist ein modernes Ritual, um sich selbst gleich am Morgen zu begegnen. Innehalten. Eine Einkehr und alles Alte hinter sich lassen.“ Mein Gesicht kann dieses Mal nur zwischen ihren Brüsten staunen, weil sie mich immer noch an sich drückt. Ich bin sehr verwirrt. Eben habe ich noch in „Schöne alte Welt“ von Tom Hodgkinson voller Begeisterung gelesen, mit welcher Ausgelassenheit man in der Tradition vergangener Zeiten diese Tage begehen sollte: feiern, spielen, schwelgen, prassen, palavern und auf keinen Fall arbeiten. – Und nun das: Sich auf sich selbst zurückziehen, das heißt arbeiten, harte Arbeit. Raunächte, denke ich und spüre Atemnot. All diese Überlegungen dauern nun schon so lang, dass ich kaum noch Luft bekomme an Luises Busen. Schließlich lässt sie mich frei. Wir schauen uns in die Augen: sie begeistert und entschlossen, ich wahrscheinlich entgeistert. Meine moderne Frau ist ein altertümliches Rätsel.

Das ist eine reizvolle Mischung, die ich im Moment aber schwer vertragen kann. Ich greife mir meine dicke Jacke und klettere in den Pickup, um noch irgendetwas, egal was, in der Stadt einzukaufen. Über der Straße hängen Nebelfetzen. Im Autoradio läuft gerade eine Sendung über Aberglauben, Orakel und Rituale während der Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Tag nach Neujahr. Der Moderator erzählt, dass früher in dieser Zeit das Aufhängen von frisch gewaschener Wäsche vermieden wurde. Um den bösen Geistern keine Möglichkeit zu geben, im neuen Jahr wieder zu erscheinen. Denn sie würden sich mit Vorliebe in den im Winde baumelnden feuchten Kleidungsstücken einnisten. Ja, und dann säßen sie uns sofort und für’s gesamte Jahr wieder im Genick. Soweit der streng befolgte Glaube in alten Jahren. Zuerst denke ich: „Was für’n Scheiß.“ Dann denke ich an Luises Gesicht. Und schließlich fällt mir die Waschmaschine ein. Ich hatte sie gefüllt, angeschaltet und Luise gebeten, die Wäsche später aufzuhängen. Der Mann im Radio nimmt das alles sehr ernst, auch seine Gespräche mit den Anrufern. Wenn doch was dran ist an dem Hokuspokus, bin ich schuld an allen Dilemmen des kommenden Jahres! Ja, ich denke wirklich „Dilemmen“, so heftig trifft diese Ahnung als Erschütterung meine ungläubige Seele. Bremsenquietschen, qualmende Reifen – ich drehe um und rase zurück. In meiner Phantasie steht Luise hilflos schluchzend, die Hände vor dem Gesicht, neben der Waschmaschine.

Als ich ins Haus stürze, steht Luise mit einem rauchenden Schälchen im Wohnzimmer. Sie lächelt mich an: „Wir räuchern die Geister hinaus und lassen die Wäsche im Haus.“ Mir ist mulmig. Wenn aus Luises Mund solche Sätze wie heute kommen, dann liegt etwas in der Luft, wie man so sagt. Dann werden Gewohnheiten in Frage gestellt, Träume befragt und Zeichen gedeutet. Und auch mir wird dann seltsam zumute. Vielleicht ist es der Rauch oder der Nebel draußen, in dem das Gewicht der Tage zu hängen scheint.

Mein Landleben & anderes (10)

Widder, Zen und kluge Bauern

Wenn ich in einer ratlosen Stimmung bin, gehe ich zu Pepe. Der Grund kann sein, dass ich mich einsam fühle, weil Luise nicht da ist. Oder ich vor zu viel anstehender Arbeit fliehe. Oder das Wetter ist mies. Heute kommt alles zusammen. Luise ist seit drei Tagen auf einer Fortbildung, von der sie erst übermorgen zurückkehrt. Im Haus liegen an allen möglichen Stellen – auf dem Küchentisch und dem Schreibtisch sowieso, dann noch im Bad und auf dem Wohnzimmertisch, außerdem auf meiner Werkbank – diese To-do-Zettelchen, die einen anschreien, sobald man einen Blick draufwirft. Ja, und dann ist da noch diese Witterung. Sie hängt so zwischen Herbst und Winter fest; der Himmel ist ein einziger grauer Schlafflappen, ohne Wind, die Temperaturen kurz über Null, es regnet nicht, ist aber immer kurz davor. Den ganzen Tag wird es nicht richtig hell. Ach, was heißt „den ganzen Tag“, die paar Stunden, kann man sagen. Das ist die Beschreibung des Außendrumherum, die sich exakt gespiegelt in meinem Inneren wiederfindet. Da kann ich nur zu Pepe gehen, etwas anderes hilft nicht.

Ich ziehe mich warm an und stapfe quer über die Weide. Wenn ich die hintere Stalltür öffne, steht er schon drinnen auf der anderen Seite und schiebt sein Maul vor. So auch heute. Eigentlich heißt er Pepe Gonzalez und ist unser Widder. Manche sagen auch „Bock“, aber das wird seiner majestätischen Erscheinung nicht gerecht. Aus meiner Jackentasche hole ich eine Handvoll gequetschten Hafer. Als er alle Körner mit den Lippen aufgenommen und im Maul hat, kraule ich ihn und wir schweigen eine Weile zusammen. Dann erzähle ich ihm, wie es mir geht. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er antwortet nicht, schaut mich nur lange mit seinen wunderschönen Augen an. Dann schließt er sie, weil ich ihn ja während des Sprechens immer noch kraule. Irgendwann dreht er sich unvermittelt um und geht langsam aus dem Stall zu seiner Herde. Auch das kann eine Antwort sein, denke ich. Aus Büchern über Zen-Buddhismus mit Zen-Lehrern kennt man das ja: Der Lehrer macht irgendeine paradoxe Bemerkung oder Geste, und schwupps hat der Schüler seine Erleuchtung. Nicht so heute bei mir; ich verstehe Pepes Reaktion nicht, obwohl ich meditierend noch eine halbe Stunde im Stall rumhocke.

Ende Oktober arbeitete ich im Vorgarten, es war schon mächtig klamm und der Boden leicht gefroren. Da kam Manfred schlingernd die Dorfstraße entlang geradelt. Er wohnt im ältesten Haus unseres Dorfes und trotz seiner 81 Jahre ist er manchmal sogar mit einem Motorrad unterwegs. An unserem Zaun hielt er an, schaute mir ein Weilchen zu und ächzte weiter. Im Losfahren reckte er den Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Himmel: „Frühe Gäste bleiben nicht lange.“ Wir hatten uns zwar gegrüßt, aber über nichts geredet. Ich hatte auch nichts gefragt. Noch zwei Tage blickte ich während der Gartenarbeit immer wieder abwechselnd in den Himmel und hielt nach Gästen Ausschau: Nichts. Am dritten Tag kam die Sonne zwischen den Wolken durch und der Boden duftete, als würde Frühling. Da ahnte ich, dass Manfreds Satz ein Trost war.

„Fällt der Schnee in’n Dreck, ist er auch bald weg.“ Ein Satz von Marga, unserer 89jährigen Nachbarin, einfach so in die Luft geworfen, als ich sie um einen Schneeschieber bitten will. Er kam unvermittelt, ist aber einfach zu verstehen. Trotzdem war ich beeindruckt, wie sie jahrhundertealtes Wissen so prägnant ins Jetzt holt – da bleibt keine Frage offen. Dagegen bohrte ihr „März hat auch noch ein Herz“ im Frühjahr lange in mir herum. Hatte sie die erste Zeile mit „Schmerz“ weggelassen? Gibt es herzlose Monate, die dem März folgen und von denen ich nichts weiß? Ich gab es irgendwann auf, diesen Satz ergründen zu wollen. Oft bleibe ich ratlos zurück, wenn wir uns über den Weg gelaufen sind und sie einen ihrer Sätze gesagt hat. Dann schaue ich ihr bewundernd nach, wie sie mit dem Rolllator tapfer zu ihrer Dorfrunde aufbricht. Und denke an Pepe. Auch die Äußerungen eines Zen-Lehrers kann man intellektuell nicht erfassen, begreifen oder verstehen, wird behauptet. Zum Beispiel habe ich für „Das ist alles Jacke“ eine Woche Fasten gebraucht, um es in seiner Genialität zu erfassen. Da steckt alles drin, wortökonomisch kurz und wirksam wie ein Paukenschlag. Nicht dieses alberne Rumgeeiere mit Abwägen und verschiedenen Möglichkeiten, die eventuell … und vielleicht doch eher jenes … Habe mich später in Richtung ihres Häuschens heimlich verbeugt. Aber es wurde noch persönlicher. „Wenn die Frau um acht meckert, dann meckert sie auch noch um neun.“ Das war eine harte Nuss, denn ich musste dauernd an Luise denken. Schließlich fasste ich mir ein Herz und bat meine Frau, dass wir die Zeit nach dem Aufstehen schweigend verbringen. Sie fand das seltsam, aber es hat geklappt und das Orakel ist gebannt. Trotzdem bin ich nicht sicher, der Bedeutung näher gekommen zu sein.

Zu Beginn des Winters dann: „Der kleine Hase hat’s gut; der große muss sehen, wo er bleibt.“ Ich sage nur, schlaflos war ich seitdem. Vor zwei Wochen habe ich all meine Verzweiflung zusammen genommen und Marga gefragt, was mit dem Satz gemeint ist. Sie schaute mich verständnislos von unten herauf an. Dann wiederholte sie den Satz, nur vertauschte sie jetzt die Reihenfolge. Aus meiner herunter gesackten Kinnlade kam nur ein mühsames „Aaaahja“. Dann durchströmte mich eine Welle heißer Ahnung: Es gibt etwas hinter den Worten, doch ist es unaussprechlich. Vielleicht jahrzehntelange körperliche Erfahrung. Nach dieser intensiven Zeit mit den Worten der klugen Bauern versuche ich, wieder mehr Zeit mit Pepe zu verbringen.

Smart Gardening – Elektronische Schafe im ländlichen Raum

smart gardeningSmart Gardening

Bestimmt hast Du Dich schon mal gefragt, was unter dem Begriff “Smart Gardening” zu verstehen ist. In dieser Kolumne wird es kurz erklärt, wie die schöne neue Welt funktioniert.

Zunehmend werden alte Häuser von Berlinern als Ferien-oder Wochenendhäuser in der Uckermark genutzt. So kommt es, dass es in einigen Dörfern an Wochentagen recht beschaulich und ruhig zugeht aber Freitagabend rücken sie dann an, die Wochenend-Uckermärker. Die ansässige Bevölkerung hat dann schon alles schick gemacht im Außenbereich. Die Gehwege sind gekehrt und der Grünstreifen zwischen Straße und Haus ist kahl rasiert, die Straßenrinne vom Dreck befreit. Sämtlicher Rasen auf dem Grundstück ist gemäht.

Samstagmorgen kann man den Berlin beobachten, wie er mit seinem Geländefahrzeug (das braucht man wohl neuerdings in Berlin) zum Supermarkt fährt, um frische Brötchen zu holen. Ist dann das typische Landfrühstück: Aldi-Marmelade, Brötchen und den Jacobs-Kaffee einverleibt. Nun  kommen sie zu zweit uniformiert aus dem Haus. Gelbe Gummistiefel,  grüne Latzhose und ein kariertes Holzfällerhemd ist Pflicht, im Partnerlook. Auch die Frisur ist angeglichen, kurzer Meggy Schnitt, grau melliert.

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