Mein Landleben & anderes (14)

Wie man Buddha zum Lachen bringt

Wer kennt das nicht: Plan A ist gescheitert, Plan B hatte Fehler, und schwupps ist man bei Plan C!? Zugegeben, nicht jeder Mensch ist dazu in der Lage. Hört man sich um, scheinen viele nicht mal einen ersten Plan für das eigene Leben zu haben. Jedenfalls macht es im Alltag den Eindruck, wenn sie ihr Lamento ausschütten wie altes Spülwasser. Aber dann gibt es da noch die Anderen. Einer von ihnen ist mein junger Freund Rudi.

Rudi ist inzwischen bei Plan S angelangt. Er ist der geborene Planer. Und irgendwie ist er auch ein Tierversteher. Mit diesen beiden Begabungen hat er sein erwachsenes Leben in die Hand genommen und konsequent mit A begonnen. Mit seinem ersten Projekt wollte er den Ameisenbär wieder in unserer Gegend ansiedeln. Dass es den in der Region gegeben haben muss, ist angesichts der Schäden und Belästigungen durch Ameisen nur logisch. Also hatte er schnell Kooperationspartner und Unterstützer an seiner Seite: Die Forstwirtschaft war begeistert, der Touristikverein witterte eine Chance, die Stadt wollte ihr Wappen ändern. Die umliegenden Ganztagsschulen gründeten schon mal vorab Wald-AGs, in denen Rudi ehrenamtlich Vorträge über den Ameisenbär hielt. Der Zoo wollte Rudi eine Halbtagsstelle als Ranger einrichten. Der Naturschutz dachte sich, dass der Ameisenbär nach der Rückkehr des Wolfes auch gut in die Landschaft passen würde – und dass ein Bär schließlich ein Bär wäre. Gescheitert ist dann alles am Zoll. Tja, jeder hat seine Aufgabe und Visionen, also auch der Zoll.

Den Kopf hat Rudi aber deswegen nicht hängen lassen. Vielleicht gab es für ihn schon lange den Plan B. Es war das Domestizieren der Beutelmeise. Er wollte sie für die Jagd auf Nacktschnecken abrichten. Damit hatte er natürlich auf dem Land den überreizten Nerv einer riesigen Klientel getroffen. Und im wahrsten Sinne flugs alle Kleingartenbesitzer und einen Großteil der ländlichen Bevölkerung hinter sich. Die erzwungen nach dem ersten Zeitungsartikel über Rudis Vorhaben mittels Petitionen eine Unterstützung durch die Regionalpolitiker. So bekam Rudi das Gelände einer ehemaligen LPG zum symbolischen Ein-Euro-Preis verkauft, wo er riesige Volieren errichten ließ. Anschließend musste natürlich auch ein Sichtschutz her, dass er ungestört von Presse, Schaulustigen und vor allem Investoren mit den Beutelmeisen trainieren konnte. Dann wurde es lange still um den Fortgang seines Projekts. Aus dieser Zeit rühren auch die Anfänge unserer Freundschaft. Kurze Zeit vorher hatten wir uns flüchtig auf einer Kontakt-Messe kennengelernt. Jetzt bat er mich, ihn bei der Erziehung der Beutelmeisen zu unterstützen. Nein, es war keine große Aufgabe, die er mir antrug. Ich musste lediglich die in handelsüblichen und sogenannten Maurertuppen angelieferten Nacktschnecken aus der Umgebung entgegennehmen und katalogisieren. Rudi hatte sich in den Kopf gesetzt, für jede Sorte lokaler Nacktschnecken die passenden Beutelmeisen-Charaktere herauszufinden. Um seinen Kunden eine Garantie geben zu können. Dazu braucht man eine Systematik und eine gut dokumentierte Forschung, welche einer Universität würdig ist. Wie gesagt, Rudi ist ein kluger Kopf. Was er nicht bedacht hatte, war die Größe der Schnecken. Nach einer Woche harten Trainings kam er zu mir ins Büro und meinte zerknirscht: „Die Meisen haben zu kleine Beutel, da passt nicht mal eine Schnecke rein.“

Aber Rudi fing sich wieder. Wir ließen alle Vögel frei und kurzzeitig gab es eine Beutelmeisen-Plage in der Region, die aber nur die Besitzer von großen Sonnenblumenfeldern störte. Plan C war ein Chinchilla-Circus, mit dem Rudi in Island gastierte. Die Isländer waren hin und weg von dieser Sensation, seine Tour wurde von staatlicher Seite gefördert und er bekam auch einen landestypischen Orden für seine Verdienste. Das alles ereignete sich in der ersten Woche seines Gastspiels auf der Insel. Denn schon kurz nach diesem umjubelten Auftakt begannen die Chinchillas mangels geeigneter Nahrung die Manege zu zerlegen. So gelangten sie in die freie Wildbahn und waren nicht mehr gesehen. Schließlich sind sie nachtaktiv.

Inzwischen arbeitet Rudi – nach vielen anderen Unternehmungen und wie schon erwähnt – an Plan S. Als Planer, der vollständig von seiner Aufgabe durchdrungen ist, hält er sich tatsächlich bei seinen Projekten an das Alphabet. Aktuell: die Schafstelze. Ach, ich beneide diese jungen Menschen wie Rudi. Sie haben immer eine zündende Idee, sind auf der Höhe der Zeit und wirken für die Gemeinschaft. In unserer Region gibt es viele Schafhalter und also auch noch mehr Schafe. Außerdem ein allmählich erwachendes Bewusstsein für ökologisch-natürliches Bauen. Schafwolle ist ein hervorragender Dämmstoff. Also hat er einige Schwärme von Schafstelzen dazu abgerichtet, Schafwolle in großen Mengen einzusammeln. Anschließend liefern sie ihren Ertrag in einer nahe gelegenen Dämmstoff-Fabrik ab. Damit sparen Schafhalter die Kosten für den Schafscherer, Touristen werden nicht mehr von rumfliegenden Wollflusen belästigt und die Schafe sind glücklich über die tägliche Massage. Nur ein kleines Problem ist inzwischen aufgetreten. Einige Schafstelzen wurden ertappt, als sie Wolle für eigene Nester abzweigten. Diese hatten schon Größen erreicht, als wollten Kraniche darin brüten. Aber auch dafür wird Rudi eine Lösung finden.

Also: Wie bringst du Buddha zum Lachen? Genau: Du machst einen Plan und erzählst ihm davon. Wenn du aber einen Lachanfall erleben willst, hältst du – egal, was passiert – einfach ganz fest an deinem Plan. Willst du aber mit ihm lachen, dann mach Pläne und überlass dich dem Leben.

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Mein Landleben & anderes (13)

Ideen spalten, hydraulisch

Ich stehe gerade an meinem Holzspalter. Auf der Werkbank, ein paar Schritte entfernt, liegt ein Notizblock. Nach jedem gespaltenen Kloben – manchmal auch mittendrin – ziehe ich meine Handschuhe aus, gehe zu dem Block und notiere mir einige Zeilen. Dann wieder Handschuhe an, den nächsten Kloben raufwuchten und spalten. Das ist mein Alltag.

Wie es dazu kam? Jeder, der schon mal versucht hat, Geschichten zu schreiben, weiß, dass einige begünstigende Faktoren zusammenkommen müssen. Zumindest, um gute Geschichten zu schreiben. Ich will hier niemanden langweilen, aber ein für mich wichtiger Faktor ist: Ruhe. Auch wenn Charles Bukowski mal gesagt haben soll, dass diese Vorstellung „shit“ ist und dass in Ruhe noch nie ein Meisterwerk entstanden ist. Vielleicht hatte er Recht für seine Person und wir sind vom Temperament sehr unterschiedlich. Und ob das Entstandene ein Meisterwerk ist, entscheiden meist doch andere Personen. Oft auch erst nach dem Ableben des Künstlers. Bei Charles und mir ist das anders. Aber wie dem auch sei, vielleicht ist „innere Stille“ ein treffender Begriff für den Zustand, den ich meine. Und den erreiche ich nicht, wenn ich von meiner Frau Luise ständig über ihre Alltagsverrichtungen informiert werde. Zum Beispiel macht sie das Bad mal von Grund auf sauber. Dabei sortiert sie aus. Alte Tablettenpackungen, überlagerte Crémes, nicht mehr funktionierende Moorschlammwärmflaschen und vieles mehr. Bei jedem Ding fragt sie mich, ob ich das noch behalten will. Das ist schon richtig, wir sind da sehr rücksichtsvoll miteinander. Aber wenn ich schreibe, dann  s c h r e i b e  ich! Was sowieso schon schwer ist in einem Durchgangszimmer, was mir als Arbeitszimmer dient. Alles geht durch dieses Zimmer und meinen Kopf, nur bleibt es nicht dort für eine Geschichte. Ich fühlte mich wie eine Durchgangsstation, bis sich unbeabsichtigt eine Lösung fand.

Irgendwann bemerkte ich, dass die meisten Geschichten beim Holzspalten in meinem Kopf entstehen. Warum das so ist? Nun, es ist eine langwierige Arbeit, da der Berg von Holzkloben, welcher im jahreszeitlichen Rhythmus unseren Hof füllt, groß ist. Außerdem bin ich allein bei dieser Arbeit, muss also mit niemandem reden. Würde auch gar nicht möglich sein, weil der Spalter zu viel Lärm macht. Ja, ich arbeite mit einem hydraulischen Gerät. Unser Ofen frisst Scheite bis 70 Zentimeter Länge. Körperkraft ist also mit einem Spalter nur zum Hochheben der Kloben nötig, ansonsten brauche ich vor allem Konzentration. Solches Arbeiten ist meditativ, kann ich Ihnen sagen. Ja, und dabei entstehen Geschichten. Also zuerst erscheinen nur Ideen in meinem Kopf, sehr grob wie diese Kloben. Wie das dann weiter geht, weiß ich nicht so genau. Aber ich habe folgende Vermutung: Die groben Ideen spaltet mein Denken in kleinere Teile, handlich in verschiedener Größe. Alle sind vom selben Material, also dem des Ursprungs-Ideen-Klotzes. Manchmal stammen sie auch vom vorherigen, dann war es wohl derselbe Baumstamm. So liegt dann eine Unzahl an Stücken vor mir (ach, frisch gespaltene Eiche duftet so herrlich). Die ich sortieren muss, dass eine echte Geschichte daraus wird. Das ist dann das Stapeln.

Als ich Luise davon das erste Mal begeistert erzähle, unterbricht sie mich, weil Berichte von meinen handwerklichen Tätigkeiten sie langweilen. Anders ist es mit Geschichten: „Wie hast du das denn früher gemacht, in der Stadt?“ Dazu muss ich kurz erwähnen, dass wir noch nicht lange verheiratet sind. Ich bin irritiert: „Da hatte ich doch keinen Holzofen, kein Holz und keinen Spalter.“ Sie schaut entrüstet: „Mann, das mit den Texten!“ In meinem Kopf spult die Zeit rückwärts. Grässliche Erinnerungen kommen hoch und ich stöhne: „Das willst du nicht wissen.“ Doch sie will. Also erzähle ich ihr, wie ich mit Mitte zwanzig Autor werden wollte. Welch ein Traum! Ich hatte zu der Zeit schon eine Menge Künstlerbiographien gelesen. Zumeist hatten diese Menschen in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre kreative Zeit gehabt und viele wurde später von der Kunst- und Literaturgeschichte dem Expressionismus zugeordnet. Was waren das für Lebens- und Leidenswege! Also diese Literaten und bildenden Künstler waren in ihren Werken so kraftvoll, wie ich auch sein wollte. Dafür taten sie viel. In meiner Vorstellung unterteilte ich sie in zwei Typen: Die einen hatten ständig Gleichgesinnte und Anhänger um sich. Sie waren lautstark, feierten Partys, hatten jede Menge Sex, experimentierten mit Drogen und Alkohol soffen sie sowieso. Ihre Texte hatten etwas spontanes. Die anderen schrieben ihre Texte voller Tiefgang in dunklen Löchern, waren depressiv, arm und kauften den billigsten Fusel. Da ich schüchtern war, kaum Geld hatte, keine Groupies und auch sonst niemanden für Sex, blieb nur die zweite Variante. Es war anstrengend und einsam, kann ich Ihnen versichern. Eine Flasche Whisky, ein Vorrat an Tabak. Ansonsten in dem abgedunkelten und einzigen Raum meiner Wohnung nur meine mechanische Schreibmaschine und ich. Das sollte reichen, ging aber nicht gut. Mir ging es gar nicht gut und die Texte waren einfach nur schlecht.

Luise streicht mir über den Kopf: „Diese schlimme Zeit hast du ja jetzt hinter dir.“ Ja, habe ich, ein großes Seufzen schüttelt mich noch heute. Mein Leben auf dem Lande ist viel gesünder. Ich habe eine schöne und kluge Frau, die wunderbar kocht und meinen Tabak versteckt. Die Notwendigkeit des Holzspaltens und die Lust des Schreibens sind eine natürliche Symbiose eingegangen, denn inzwischen sind alle freien Stellen auf unserem Hof mit Holzstapeln zugestellt. Ich habe die Gewerbegenehmigung für einen Holzhandel in der Tasche und Gerüchte gehört, dass ich für einen großen deutschen Buchpreis nominiert sein soll.

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Mein Landleben & anderes (12)

Grundkurs: Schafe halten

Wer auf’s Land zieht oder auf dem Land lebt, braucht unbedingt Tiere in seiner näheren Umgebung. Das versteht sich von selbst. Sonst hätte er ja auch in der Stadt bleiben können. Sicherlich gibt es auch in der Stadt Tiere. Doch schauen wir einmal hinter den Jubel, dass die Wildnis sich die Stadt zurückerobert, dann sehen wir zwei abstruse Entwicklungen. Die einstmals wilden Tieren wie Füchse und Tauben zeigen ein Verhalten, als wollten sie adoptiert werden. Die sogenannten Haustiere aber sind meist an ihr dort beschränktes Leben so gewöhnt, dass sie ihren Haltern nach einiger Zeit keine Freude mehr machen. Sie verlieren ihre Ursprünglichkeit, wegen der sie ja eigentlich mal erworben wurden. Die ihnen verordneten Namen, Einschleimbezeichnungen und auch überfüllte Tierheime sollten dafür als Beweise reichen.

Also zurück (oder voran) zum Landleben mit Tier. Man kann sich natürlich seinen neuen Wohnort danach aussuchen, ob Nachbarn Tiere besitzen. Eine weitere Variante wäre, nach einer ausgedehnten Kuhweide oder Pferdekoppel Ausschau zu halten, neben der man dann lebt. Wem das nicht reicht, der sucht einfach im örtlichen Telefonbuch nach einer industriellen Tieranlage. Da hat man mit einem Schlag einfach viel Tier in seiner Nähe. In der einschlägigen Ratgeberliteratur für Stadtaussteiger wird zwar von der Nachbarschaft zu Schweinemastanlagen, Legehennenbatterien und Milchverarbeitungsanlagen abgeraten. – Die Reizüberflutung für den Ex-Stadtbewohner wäre zu groß. Nicht, dass er daran nicht gewöhnt wäre. Aber Lärm und Geruch von Maschinen in der Stadt seien einfacher körperlich zu integrieren als von Lebewesen. Sollen Forscher herausgefunden haben. – Also ich denke, ein Herdenfan sollte das einfach mal ausprobieren. Sich für den Anfang in einer Ferienwohnung in der Umgebung einer solchen Anlage einmieten. Eventuell berauscht ihn der konzentrierte Geruch von Gülle so sehr, dass er demjenigen das Bedürfnis nach synthetischen Drogen aus seinem einstmals urbanen Umfeld ersetzt. Dann kann er zum Betreiber der Anlage wegen eines Jobs gehen. Schließlich hat er auf diese Weise sein Hobby zum Beruf gemacht.

Aber das sind alles nur schwache Versuche, sich ein neues Leben (und das soll es ja auf dem Land werden!) mit Tier oder Tieren einzurichten. Am besten ist also der lohnende Versuch, selbst welche zu besitzen. Ich rate da gern zu Schafen. Denn die sind Stadtbewohnern ähnlich: Sie haben hohe Ansprüche, können aber auch unter schwierigen Bedingungen überleben und finden zudem noch etwas Positives daran. Ja, auch Schafe haben eine Seele. Deshalb ist es wichtig, sich über die Wahl der Schafrasse, des einzelnen Charakters, der Anzahl der Tiere und des Lebensraums klar zu werden. Fährt man zu einem Schafhalter, sollte man vorher wissen, ob der Tiere verkaufen will. Ist dem eigentlich nicht so, ergibt sich ein Problem. Nein, nicht jenes, dass man mit leeren Händen zurückkommt, sondern mit leeren Taschen. Da das Geld, welches für den Hausbau oder -kauf geplant war, für einen unverschämten, aber selbst verschuldeten Handel draufgegangen ist. Also sollte man vorher im internationalen Netz recherchieren, Angebote einholen, Preise vergleichen, ausgiebig Kundenrezensionen lesen.

Die Wahl der Rasse ist einfach: Man entscheidet sich nach dem Aussehen. Schließlich wird man seine Schafe später tagtäglich vor Augen haben, also sollten sie schick sein. Das ist wie mit der eigenen Kleidung. Die Sache mit dem Charakter gestaltet sich schwieriger. Hat man den Schafverkäufer seiner Wahl gefunden, ist dort ausreichend Zeit vonnöten. Denn bekanntermaßen haben Schafe einen Tagesrhythmus, der aus 8 Stunden grasen, 8 Stunden wiederkäuen und 8 Stunden schlafen besteht. Ist man also zur falschen Zeit am richtigen Ort, hilft nur Geduld. Schließlich muss man das Wesen des Schafes lesen. Das ist schwierig, wenn sie gerade in einer Ecke herumlungern, an dem Besucher nicht interessiert sind und nur meditativ in die Ferne starren. Oder pennen. Sind sie auf der Weide unterwegs, bekommt man einen hervorragenden Einblick in ihre Eigenheiten, Schwächen und Stärken. Am besten folgt man ihnen dabei unbemerkt. Auf keinen Fall sollte man sich für sogenannte Grenzgänger entscheiden. Das sind Schafe, denen das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner und verlockender erscheint als auf der eigenen Weide. Sie versuchen mit allen Mitteln und Tricks dorthin zu gelangen. Nur wer sportliche Extremsituationen regelmäßig liebt, über zu viel Zeit verfügt oder seinen Vertrag im Fitnesscenter gerade gekündigt hat, sollte sich dieser Herausforderung stellen. Allzu ruhige und sich vereinzelnde Tiere sollte man auch nicht wählen. Wer will jeden Tag ein lethargisches und griesgrämig dreinblickendes Etwas vor sich haben? Gerade bei diesen langanhaltenden Schlechtwetterlagen in unserer Region ist Frohsinn nötig. Also Mut zum lustigen Schaf, sage ich nur. Es ist nicht einfach zu finden, aber die Anstrengung lohnt sich.

Die Größe der eigenen Herde sollte man nicht knausrig bemessen. Denn es leuchtet ja jedem sofort ein, dass mehr Schafe mehr Freude bereiten als wenige. Eine Faustregel besagt, die Menge der Schafe an der Anzahl von Familienmitgliedern plus gutwilligen Freunden auszurichten. Erstens hat man dann genug Namen, die zu vergeben sind und zweitens gibt es damit für jedes Schaf einen personalisierten Paten. Wenn also aus einem absurden und eher unwahrscheinlichen Grund eine Notsituation auftreten sollte, kann man die Verantwortung abgeben. Aber auch für weniger prekäre Situationen hat man damit immer eine schnelle Lösung an der Hand. Zum Beispiel sollten Schafe in erster Linie dekorativ an der richtigen Stelle stehen. Dafür sorgen dann die Paten, wenn die Tiere das noch nicht selbst können. Auch lässt es sich nicht umgehen, dass die Schafe mal den Weideort wechseln. Das bedeutet, jedes Tier benötigt einen helfenden Menschen, da Schafbeine relativ kurz sind. Also sollte man sich gleich zu Beginn der Schafsplanung mit einer ausreichenden Menge an Wochenend-Dörflern anfreunden, damit sie dies übernehmen. (Vom Versuch, Einheimische dafür zu begeistern, wird abgeraten.) Man tut diesen Menschen sogar einen Gefallen, wenn man ihnen solche Aufgaben übergibt. Sie werden begeistert sein, weil sie ja in ihrer knapp bemessenen Outdoorzeit das Abenteuer suchen. Das Thema der passenden Weide kann man getrost bis zum Eintreffen der Schafe hinausschieben. Eine grüne Fläche findet sich meist spontan. Entweder ist es der eigene Vorgarten, der umgenutzt wird. Oder der des Nachbarn. Beliebt sind auch gut gepflegte Dorfplätze und Baumschulen. Außerdem eignen sich nahegelegene Fußballstadien. Dabei ist zu beachten, dass man sich mit dem ortsansässigen Verein wegen der Nutzungszeiten abspricht, um den Schafen nicht übermäßigen Stress zuzumuten. Abzuklären ist auch, ob es sich bei der Fläche um Kunstrasen handelt. Davon raten viele Handbücher ab, da diese Art aufgenommenes Gras später als Schafskot nicht verwittert. Hat man viel Freizeit, kann man auch mit den Schafen herumziehen. Dazu, genau wie für die Themen niedliche Lämmchen, Fortpflanzung und Widder, gehören aber einige Fertigkeiten und eine Portion erweitertes Fachwissen, welche in einem Aufbaukurs vermittelt werden.

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Mein Landleben & anderes (11)

Raunächte oder Das Gewicht der Tage

Hat sich schon mal jemand körperlich mit diesem Wort beschäftigt? Raunächte. Wenn man dieses Wort durchkaut, seinem Klang nachlauscht und dann die einzelnen Buchstaben auf der sich zusammenziehenden Haut des Unterarms spürt, weiß man Bescheid. Raunächte. Das hat etwas Mystisches, wie eine Geistererscheinung. Raunächte. Aller Glauben unserer Altvorderen steigt in uns hoch. Auch solcher, von dem wir noch nie etwas gewusst haben und von dem wir nie etwas wissen wollten. Aber so ist das halt, niemand kann sich die Phantasien seiner Ahnen aussuchen.

An einem dieser Morgen nach einer solchen Nacht sitze ich in der Küche, schlürfe meinen Espresso und blättere in einigen Büchern. Schließlich war gerade Weihnachten. Luise kommt maulend herein und ich strahle sie mit meinem „Schatz-hast-du-gut-geschlafen“-Lächeln an. Meist hilft das, heute nicht, sie ignoriert mich: „So ein Mist, jetzt bin ich schon angezogen.“ Oh ja, das finde ich auch schade. So ein nacktes Weib am Morgen vertreibt schließlich alle Sorgen. Sage ich aber nicht laut, sondern vorsichtig: „Warum ist das denn so schlimm?“ „Ich wollte mich auf die Waage stellen.“ Ich ahne Dramatisches und beschwichtige cool: „He, für dein Alter siehst du richtig gut aus.“ Sie funkelt mich an: „Damit hat das nichts zu tun, du ahnungsloser Schleimer!“ Oh, das ist hart. In der Regel geht meine Trollfrau sehr liebevoll mit mir um, wenn wir allein sind. Ich richte mein geknicktes Ego innerlich wieder auf, verzeihe ihr wegen der Morgenstunde und wende ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu: „Du hast Recht. Bitte erkläre mir das Problem.“ Sie setzt sich mit an den Küchentisch: „Na gut, aber nur, wenn Du es wirklich willst.“ Ich nicke eifrig.

Daraufhin erzählt sie mir sehr ausführlich, dass in den Schriften heilkundiger Frauen fortwährend davon die Rede ist, die Zeit bis Epiphanie nicht gering zu schätzen. Im Gegenteil, es sei der geeignete, nein, der notwendige Zeitpunkt, das Gewicht der Tage los zu werden. Mit hochgezogenen Augenbrauen, dazwischen zwei steile Falten, durchbohrt ihr Blick direkt mein naives Staunen. Ich verstehe und senke meinen Kopf. Verstohlen blicke ich an der kugeligen Wölbung meines Bauchs hinunter. Aber ich muss reagieren: „Und wie wär’s, wenn du dich einfach jetzt so auf die Waage stellst. Dann ziehen wir das Gewicht deiner Hose und deines Pullovers ab, und schon weißt du Bescheid.“ Oh, ich hätte nichts sagen sollen, einfach nur staunen, mehr nicht. Ihre Gesichtszüge verhärten sich, dann lockern sie sprunghaft wieder auf und sie beginnt zu lachen. Währenddessen steht sie auf, kommt um den Tisch herum und nimmt meinen Kopf in ihre Arme. „Ach, du hast ja echt keine Ahnung“, flüstert sie mir von oben herab ins Ohr. „Das ist ein modernes Ritual, um sich selbst gleich am Morgen zu begegnen. Innehalten. Eine Einkehr und alles Alte hinter sich lassen.“ Mein Gesicht kann dieses Mal nur zwischen ihren Brüsten staunen, weil sie mich immer noch an sich drückt. Ich bin sehr verwirrt. Eben habe ich noch in „Schöne alte Welt“ von Tom Hodgkinson voller Begeisterung gelesen, mit welcher Ausgelassenheit man in der Tradition vergangener Zeiten diese Tage begehen sollte: feiern, spielen, schwelgen, prassen, palavern und auf keinen Fall arbeiten. – Und nun das: Sich auf sich selbst zurückziehen, das heißt arbeiten, harte Arbeit. Raunächte, denke ich und spüre Atemnot. All diese Überlegungen dauern nun schon so lang, dass ich kaum noch Luft bekomme an Luises Busen. Schließlich lässt sie mich frei. Wir schauen uns in die Augen: sie begeistert und entschlossen, ich wahrscheinlich entgeistert. Meine moderne Frau ist ein altertümliches Rätsel.

Das ist eine reizvolle Mischung, die ich im Moment aber schwer vertragen kann. Ich greife mir meine dicke Jacke und klettere in den Pickup, um noch irgendetwas, egal was, in der Stadt einzukaufen. Über der Straße hängen Nebelfetzen. Im Autoradio läuft gerade eine Sendung über Aberglauben, Orakel und Rituale während der Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Tag nach Neujahr. Der Moderator erzählt, dass früher in dieser Zeit das Aufhängen von frisch gewaschener Wäsche vermieden wurde. Um den bösen Geistern keine Möglichkeit zu geben, im neuen Jahr wieder zu erscheinen. Denn sie würden sich mit Vorliebe in den im Winde baumelnden feuchten Kleidungsstücken einnisten. Ja, und dann säßen sie uns sofort und für’s gesamte Jahr wieder im Genick. Soweit der streng befolgte Glaube in alten Jahren. Zuerst denke ich: „Was für’n Scheiß.“ Dann denke ich an Luises Gesicht. Und schließlich fällt mir die Waschmaschine ein. Ich hatte sie gefüllt, angeschaltet und Luise gebeten, die Wäsche später aufzuhängen. Der Mann im Radio nimmt das alles sehr ernst, auch seine Gespräche mit den Anrufern. Wenn doch was dran ist an dem Hokuspokus, bin ich schuld an allen Dilemmen des kommenden Jahres! Ja, ich denke wirklich „Dilemmen“, so heftig trifft diese Ahnung als Erschütterung meine ungläubige Seele. Bremsenquietschen, qualmende Reifen – ich drehe um und rase zurück. In meiner Phantasie steht Luise hilflos schluchzend, die Hände vor dem Gesicht, neben der Waschmaschine.

Als ich ins Haus stürze, steht Luise mit einem rauchenden Schälchen im Wohnzimmer. Sie lächelt mich an: „Wir räuchern die Geister hinaus und lassen die Wäsche im Haus.“ Mir ist mulmig. Wenn aus Luises Mund solche Sätze wie heute kommen, dann liegt etwas in der Luft, wie man so sagt. Dann werden Gewohnheiten in Frage gestellt, Träume befragt und Zeichen gedeutet. Und auch mir wird dann seltsam zumute. Vielleicht ist es der Rauch oder der Nebel draußen, in dem das Gewicht der Tage zu hängen scheint.

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Mein Landleben & anderes (10)

Widder, Zen und kluge Bauern

Wenn ich in einer ratlosen Stimmung bin, gehe ich zu Pepe. Der Grund kann sein, dass ich mich einsam fühle, weil Luise nicht da ist. Oder ich vor zu viel anstehender Arbeit fliehe. Oder das Wetter ist mies. Heute kommt alles zusammen. Luise ist seit drei Tagen auf einer Fortbildung, von der sie erst übermorgen zurückkehrt. Im Haus liegen an allen möglichen Stellen – auf dem Küchentisch und dem Schreibtisch sowieso, dann noch im Bad und auf dem Wohnzimmertisch, außerdem auf meiner Werkbank – diese To-do-Zettelchen, die einen anschreien, sobald man einen Blick draufwirft. Ja, und dann ist da noch diese Witterung. Sie hängt so zwischen Herbst und Winter fest; der Himmel ist ein einziger grauer Schlafflappen, ohne Wind, die Temperaturen kurz über Null, es regnet nicht, ist aber immer kurz davor. Den ganzen Tag wird es nicht richtig hell. Ach, was heißt „den ganzen Tag“, die paar Stunden, kann man sagen. Das ist die Beschreibung des Außendrumherum, die sich exakt gespiegelt in meinem Inneren wiederfindet. Da kann ich nur zu Pepe gehen, etwas anderes hilft nicht.

Ich ziehe mich warm an und stapfe quer über die Weide. Wenn ich die hintere Stalltür öffne, steht er schon drinnen auf der anderen Seite und schiebt sein Maul vor. So auch heute. Eigentlich heißt er Pepe Gonzalez und ist unser Widder. Manche sagen auch „Bock“, aber das wird seiner majestätischen Erscheinung nicht gerecht. Aus meiner Jackentasche hole ich eine Handvoll gequetschten Hafer. Als er alle Körner mit den Lippen aufgenommen und im Maul hat, kraule ich ihn und wir schweigen eine Weile zusammen. Dann erzähle ich ihm, wie es mir geht. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er antwortet nicht, schaut mich nur lange mit seinen wunderschönen Augen an. Dann schließt er sie, weil ich ihn ja während des Sprechens immer noch kraule. Irgendwann dreht er sich unvermittelt um und geht langsam aus dem Stall zu seiner Herde. Auch das kann eine Antwort sein, denke ich. Aus Büchern über Zen-Buddhismus mit Zen-Lehrern kennt man das ja: Der Lehrer macht irgendeine paradoxe Bemerkung oder Geste, und schwupps hat der Schüler seine Erleuchtung. Nicht so heute bei mir; ich verstehe Pepes Reaktion nicht, obwohl ich meditierend noch eine halbe Stunde im Stall rumhocke.

Ende Oktober arbeitete ich im Vorgarten, es war schon mächtig klamm und der Boden leicht gefroren. Da kam Manfred schlingernd die Dorfstraße entlang geradelt. Er wohnt im ältesten Haus unseres Dorfes und trotz seiner 81 Jahre ist er manchmal sogar mit einem Motorrad unterwegs. An unserem Zaun hielt er an, schaute mir ein Weilchen zu und ächzte weiter. Im Losfahren reckte er den Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Himmel: „Frühe Gäste bleiben nicht lange.“ Wir hatten uns zwar gegrüßt, aber über nichts geredet. Ich hatte auch nichts gefragt. Noch zwei Tage blickte ich während der Gartenarbeit immer wieder abwechselnd in den Himmel und hielt nach Gästen Ausschau: Nichts. Am dritten Tag kam die Sonne zwischen den Wolken durch und der Boden duftete, als würde Frühling. Da ahnte ich, dass Manfreds Satz ein Trost war.

„Fällt der Schnee in’n Dreck, ist er auch bald weg.“ Ein Satz von Marga, unserer 89jährigen Nachbarin, einfach so in die Luft geworfen, als ich sie um einen Schneeschieber bitten will. Er kam unvermittelt, ist aber einfach zu verstehen. Trotzdem war ich beeindruckt, wie sie jahrhundertealtes Wissen so prägnant ins Jetzt holt – da bleibt keine Frage offen. Dagegen bohrte ihr „März hat auch noch ein Herz“ im Frühjahr lange in mir herum. Hatte sie die erste Zeile mit „Schmerz“ weggelassen? Gibt es herzlose Monate, die dem März folgen und von denen ich nichts weiß? Ich gab es irgendwann auf, diesen Satz ergründen zu wollen. Oft bleibe ich ratlos zurück, wenn wir uns über den Weg gelaufen sind und sie einen ihrer Sätze gesagt hat. Dann schaue ich ihr bewundernd nach, wie sie mit dem Rolllator tapfer zu ihrer Dorfrunde aufbricht. Und denke an Pepe. Auch die Äußerungen eines Zen-Lehrers kann man intellektuell nicht erfassen, begreifen oder verstehen, wird behauptet. Zum Beispiel habe ich für „Das ist alles Jacke“ eine Woche Fasten gebraucht, um es in seiner Genialität zu erfassen. Da steckt alles drin, wortökonomisch kurz und wirksam wie ein Paukenschlag. Nicht dieses alberne Rumgeeiere mit Abwägen und verschiedenen Möglichkeiten, die eventuell … und vielleicht doch eher jenes … Habe mich später in Richtung ihres Häuschens heimlich verbeugt. Aber es wurde noch persönlicher. „Wenn die Frau um acht meckert, dann meckert sie auch noch um neun.“ Das war eine harte Nuss, denn ich musste dauernd an Luise denken. Schließlich fasste ich mir ein Herz und bat meine Frau, dass wir die Zeit nach dem Aufstehen schweigend verbringen. Sie fand das seltsam, aber es hat geklappt und das Orakel ist gebannt. Trotzdem bin ich nicht sicher, der Bedeutung näher gekommen zu sein.

Zu Beginn des Winters dann: „Der kleine Hase hat’s gut; der große muss sehen, wo er bleibt.“ Ich sage nur, schlaflos war ich seitdem. Vor zwei Wochen habe ich all meine Verzweiflung zusammen genommen und Marga gefragt, was mit dem Satz gemeint ist. Sie schaute mich verständnislos von unten herauf an. Dann wiederholte sie den Satz, nur vertauschte sie jetzt die Reihenfolge. Aus meiner herunter gesackten Kinnlade kam nur ein mühsames „Aaaahja“. Dann durchströmte mich eine Welle heißer Ahnung: Es gibt etwas hinter den Worten, doch ist es unaussprechlich. Vielleicht jahrzehntelange körperliche Erfahrung. Nach dieser intensiven Zeit mit den Worten der klugen Bauern versuche ich, wieder mehr Zeit mit Pepe zu verbringen.

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Smart Gardening – Elektronische Schafe im ländlichen Raum

smart gardeningSmart Gardening

Bestimmt hast Du Dich schon mal gefragt, was unter dem Begriff “Smart Gardening” zu verstehen ist. In dieser Kolumne wird es kurz erklärt, wie die schöne neue Welt funktioniert.

Zunehmend werden alte Häuser von Berlinern als Ferien-oder Wochenendhäuser in der Uckermark genutzt. So kommt es, dass es in einigen Dörfern an Wochentagen recht beschaulich und ruhig zugeht aber Freitagabend rücken sie dann an, die Wochenend-Uckermärker. Die ansässige Bevölkerung hat dann schon alles schick gemacht im Außenbereich. Die Gehwege sind gekehrt und der Grünstreifen zwischen Straße und Haus ist kahl rasiert, die Straßenrinne vom Dreck befreit. Sämtlicher Rasen auf dem Grundstück ist gemäht.

Samstagmorgen kann man den Berlin beobachten, wie er mit seinem Geländefahrzeug (das braucht man wohl neuerdings in Berlin) zum Supermarkt fährt, um frische Brötchen zu holen. Ist dann das typische Landfrühstück: Aldi-Marmelade, Brötchen und den Jacobs-Kaffee einverleibt. Nun  kommen sie zu zweit uniformiert aus dem Haus. Gelbe Gummistiefel,  grüne Latzhose und ein kariertes Holzfällerhemd ist Pflicht, im Partnerlook. Auch die Frisur ist angeglichen, kurzer Meggy Schnitt, grau melliert.

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