Mein Landleben & anderes (6)

Töne unserer Heimat

Ich liege mit Luise an einem Traumstrand im warmen Sand. Weiches Abendlicht um uns. Wir sind nackt und völlig allein. Sanft zieht sie mich an sich und es geht los. Wahnsinn, wie in einem heißen Liebesfilm. Plötzlich ändert sich die Perspektive: Ich sehe ein riesiges Kondom, das ein entschlossenes „Stopp-Stopp-Stopp“ ruft, als es voll ist, und dann bei der Rückwärtsbewegung „Vorsicht“ fiept. Der hohe Ton durchdringt meinen gesamten Unterkörper, dass ich vollständig verkrampfe. Nervös am ganzen Körper zuckend wache ich auf.

Die Uhr zeigt acht. „Das piept doch aber gar nicht!“ Neben mir das schöne Weib aus dem Traum, aber etwas zerknittert. Benommen schaue ich sie an, als würde ich gar nichts wiedererkennen. Ich fühle mich betrogen. Sie wedelt matt mit ihrer Hand vor meinem Gesicht: „He, ich bin’s, deine Frau.“ Langsam finde ich aus dem Traum zurück in den echten Morgen. Luise sitzt mit an den Oberkörper gepresstem Arm vor mir im Bett. Sie macht noch einen Versuch und gibt mir eine Hilfestellung für die endgültige Rückkehr: „Dieses Fieberthermometer piept doch nicht. Woher weiß ich dann, wann es fertig ist?“ Verschlafen hebe ich die Schultern: „Muss man drauf gucken, ungefähr nach zehn Minuten.“ Sie nörgelt: „So lange … und dann bin ich immer noch nicht sicher, oder?!“

Sicher, Sicherheit; da war doch was?! Ich überlege schwerfällig, welches Thema gestern Abend wichtig war. Ich hatte spät nochmal nach den jungen Lämmern im Stall gesehen und dann … Warum fühlt sie sich nicht sicher bei mir? Ich seufze ratlos und, um sie wenigstens in ihrer Warterei zu trösten, murmele ich: „Ja, dieses alte Zeug. Was sind das für Menschen, die bei jeder Gelegenheit behaupten, dass früher immer alles besser war!“ Sie funkelt mich an, ich kann wohl schlecht heucheln. Mit scharfer Stimme hakt sie ein: „Genau, eigentlich ist unser Leben einfacher und vor allem ist es sicherer geworden, mein lieber Mann. Und es wäre verantwortungsvoll, wenn du dich darum zur Abwechslung auch mal kümmern könntest!“ Ein Blitzschlag in unserer ländlichen Idylle. Meine zwischenmenschlichen Alarmglocken schlagen Sturm: Es ging um Sex, genau genommen um die „Schwangerschaftsverhütung mit Temperaturmessung“. Höchstwahrscheinlich hatte ich verpasst, eine eindeutig männliche Position einzunehmen. So dass das Thema vorerst hätte verschwinden können. Stattdessen hatte ich mich im Streit ins Schlafzimmer und in den Schlaf geflüchtet.

Na gut, denke ich jetzt, nun geht es also nochmal los. Mit merkwürdig glänzenden Augen schaut sie mich an und presst hervor: „Ja, unsere Heimat, unser ganzer Erdball ist sicherer geworden, seit die Dinge Töne machen! Nur Georg mit seiner blödsinnigen Nostalgie sperrt sich dagegen!“ Also doch kein persönliches Verhütungsgespräch, ich entspanne mich. Und sie tut mir wirklich leid: Diese Verunsicherung durch das altertümliche Fieberthermometer mit Quecksilbersäule, die sie ohne Lesebrille nicht mehr genau erkennen kann. Und ohne Signalton, der ihre Haltung entkrampfen könnte. Ich gebe ihr Recht, mit einem Pieps-Thermometer wäre die Diagnose nach ein paar Sekunden klar. Sie zählt mir auf, welche tollen Haushaltsgeräte inzwischen Töne machen, um uns zu schützen. Währenddessen höre ich ihr zu und nicke, denke aber nur an das gruselige Ende des Traums.

Als sie das Frühstück vorbereitet, ziehe ich mich schnell an und schwinge meinen ehemaligen Knackarsch in den Pickup. Ich rase in die nächste Kleinstadt, um eine Apotheke zu finden. Ich brauche unbedingt ein Pieps-Thermometer – für die unfruchtbaren Tage der nächsten Jahre. Möglicherweise sind solche technischen Verhüterli wie in meinem Traum schon erfunden und würden demnächst von meiner Frau per Internet geordert. Dann droht das Desaster meines Traums. Auch so etwas macht im Dorf schnell die Runde und mein Ansehen als Mann sänke auf Untertemperatur. Als ich mit dem nagelneuen Thermometer wieder auf dem heimischen Hof bin, wird es noch ein wunderschöner Samstag, an dem wir über so viele nützliche Erfindungen plaudern. Vielleicht ist er auch deshalb so schön, weil mich das Gefühl trägt, knapp entkommen zu sein. Entkommen einer weiblichen Klagesitzung, in der meine fehlende Verantwortung als Mann bei der Verhütung angeprangert wird.

Werde aktiv!

3 Gedanken zu “Mein Landleben & anderes (6)

  1. Lieber Georg,
    Basal-Temperatur allein und dann noch mit Piep-Thermometer – da gibt es noch einiges zu beobachten ohne Pieps und Schnitt. Wenns Dich interessiert kannst Du von Gerd meine E-mail-Adresse bekommen und ich schick Dir dann, was Frau Dr. Maria Hengstberger dazu meint.

    Liebe Grüße
    Sylvia

    • Liebe Sylvia,
      dankeschön für Deinen Kommentar! Ja, klar interessiert mich, was andere Menschen dazu meinen. Schließlich war Gerhards Tipp doch eine schmerzhafte Variante, um mit diesem Thema umzugehen. Also schick mir ruhig Deine Infos bzw. von Frau Hengstberger.
      Herzlich von Georg

  2. Stark! – Das Kondom des grauens.. Bleibt noch anzumerken, wenn die Batterien dieser Piepdinger an ihr Ende kommen, steigt exponentiell die Wartezeit auf die Zigarette danach. Mit zwei kleinen Schnitte könnte sich Georg die häufigen Batteriewechsel sparen und einen Beitrag zur Emanzipation und Umweltschutz leisten. Have a lot of fun..

Schreibe einen Kommentar