Mein Landleben & anderes (7)

Warum kluge Kinder im Alter ein Trost sind

Alles begann mit einem kleinen Satz, so nebenher fallen gelassen. So einem tagträumenden Selbstgespräch, einem gedankenlosen Plappern, einem unbewussten Herausplumpsen – und wurde ein Hammerschlag des Lebens. Gerade bereiteten meine Frau Luise und ich in unserer Mietwohnung in der großen Stadt den Urlaub des nächsten Jahres vor. Da fiel dieser Satz von ihr: „Eigentlich wollte ich schon immer auf dem Land leben.“ Nun, wer mich kennt und weiß, wie viele gescheiterte Versuche ich schon hinter mir habe, wird verstehen. Oder auch nicht. Der Satz erwischte mich wie ein Stromausfall Las Vegas: kurz Stille und dann chaotisches Stimmengewirr. Das geschah in meinem Kopf und nahm von dort seinen Verlauf. Vielleicht hätte alles auch anders kommen können. Wenn ich nicht nachgefragt hätte, was sie, meine geliebte Frau, jetzt damit genau meinen würde. Als sie sich ausgesprochen hatte, war ihr das klar und mir auch. Denn ein geflügeltes Wort, mit dem sie sich innerlich sehr verbunden fühlt, landete zwischen uns: Gesagt, getan!

Wir suchten und fanden ein Haus in einem kleinen, abgelegenen Dorf. Dann besorgten wir Geld, kauften es, zogen um und begannen mit dem Aus- und Umbau. Denn es war ein Lehmsteinbau aus dem Jahr 1860. Das bedeutete, gealterte Bausubstanz, eigene Ideen, regionale Handwerkermeinungen, bezahlbares Baumaterial und eigene Körperkraft in ein richtiges Verhältnis zu bekommen. Ich war ausgefüllt von diesem Traum und beschäftigt mit seiner Umsetzung. Nur eines hatte ich vollständig vergessen. Während der vergangenen zwei Jahre in der Stadt absolvierte ich neben meiner Arbeit eine Ausbildung. Dass an deren Ende zwei Prüfungen stehen würden, hatte ich ziemlich lässig in großer Entfernung vermutet. Als die Erinnerung daran einen Spalt in meinem Tun fand, machte sie sich dort breit und war nicht mehr zu übersehen. Sofort schaltete ich die Kapp-, Zug- und Gehrungssäge ab und sank auf einen Arbeitshocker. Mit einem Mal wurde mir klar, dass ich mit meinem Hausprojekt nur ein Stück weit vor meinen Dämonen geflüchtet war. Nun musste ich mich ihnen stellen.

Die folgenden Wochen und Monate sind angefüllt mit dem Starren auf Merksätze, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen in der Theorie. Weil ich es nicht anfassen kann, bedeutet das für ein simples Gemüt wie mich: Auswendiglernen. Wie früher. Ich war ein gequälter Schüler. Selbst mit äußerster Anstrengung schaffte ich nur durchschnittliche Leistungen. Trotzdem will ich diese Prüfung machen! Ich schlafe schlecht, esse wenig oder viel zu viel, nerve meine Frau. Pathetisch formuliert: Die Ränder der Zeit sind mit Zeichen der Angst umstellt. Ich suche Trost bei Annabell. Meine hochhackige Tochter, mit dem Abitur von 1,3 in der Tasche, macht mir Mut und flötet ins Telefon: „Das wird schon. Denk mal an die vielen klugen Tipps, die du mir immer gegeben hast.“ Ich schnaube in mich hinein. Das habe ich von meinem väterlichen Helfersyndrom. So schnell dreht sich die Welt einmal herum und alles steht Kopf.

Am Morgen der Prüfung fahre ich in die große Stadt. Ich bin so fahl, dass mir eine alte Frau in der Straßenbahn ihren Sitzplatz aufnötigt. Aber auch das hilft nicht mehr. Als ich meiner Tochter am Telefon berichte, dass ich knapp durchgefallen bin, tröstet sie mich: „Das ist nicht so schlimm. Beim nächsten Mal wird’s besser.“ Ich entgegne verzweifelt: „Aber ich kann das nicht. Das ist nicht mein Ding, dieses stupide Einpauken von theoretischem Zeug!“ Sie steht über allem und nimmt mich telefonisch in die Arme: „Doch, das kannst du, ich glaube an dich. Sei nicht so starrsinnig. Halte dich nicht an deiner sogenannten schlimmen Kindheit und Schulzeit fest. Bemitleide dich nicht selbst, mach ein Spiel daraus.“ Für einen klitzekleinen, endlosen Moment bin ich sprachlos. Aber dann bricht es aus mir heraus: „Ich dachte immer, wir sind uns sehr ähnlich und du verstehst mich. Deshalb habe ich dich damals auf diese andere Schule geschickt, dass du nicht diesen Stress durchmachen musst. Deine Großeltern haben immer „Spielschule“ gesagt. Hast du das gar nicht verstanden?!“ Meine Stimme wird brüchig, dünn und versagt. Am anderen Ende der Telefonleitung ein tiefes Durchatmen, dann: „Hey, Paps, nimm das Ergebnis nicht persönlich. Bleib so, wie du bist. Wenn der richtige Zeitpunkt ran ist, wirst du es schaffen.“

Oh ja, das sagte mir meine eigene Tochter. Es dauerte, bis ich diese Worte wirklich hinnehmen konnte und mich getröstet fühlte. Aber dann halfen sie: Während Sie das hier lesen, stehe ich im Inneren eines wunderbaren alten Hauses und putze voller Hingabe Quadratmeter für Quadratmeter Lehm an die Wände. Ich lächele dabei vor mich hin, weil ich alt genug bin, um nicht noch solch ein neunmalkluges Kind in die Welt zu setzen. Und ich spüre, dass ich gelassen genug bin, um nicht wegzulaufen. Sondern zu warten: wann die nächste Prüfung kommt.

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4 Gedanken zu “Mein Landleben & anderes (7)

  1. Liebe Peggy,
    vielen Dank für Deine Worte und das Kompliment, ich fühle mich gebauchmiezelt! Es stimmt, dass es diese Geschichten (noch) nicht in gebundener Form gibt. Dazu müsste ich einen Verlag finden, was ich aber noch nicht versucht habe. Und einen Roman schreiben … puh, das sehe ich für mich nicht am Horizont. Mir liegen wohl eher die kleinen oder kurzen Formen.
    Herzlich von Georg

  2. ne knackig-spannende Geschichte über das spannungsreiche Leben und die hier übliche ‘Lern-Kultur’, Georg 🙂
    .. Ich hoffe auf eine baldige flächendeckende ‘Lern-Kultur-Revolution’!!
    > Dr. Gerald Hüther ‘Wachstum geht nur anders, das könnte vlt ‘die Wirtschaft’ von der Hirnforschung lernen. Was behindert
    Begeisterung und Glück? Das Gehirn ist kein Muskel, Begeisterung ist der Dünger für Wachstum & Glück (ab Min 20) …,auch zu ‘Begeisterung’ › Inspiration + Wecken von Engagement überhaupt, auch für Engagement für die Gemeinde, für das Gemeinwohl, für ein globales Gemeinwohl, für eine “Win-Win-Win-Kultur”, u.a. durch eine ‘Einladungs-Kultur’, durch die hier beschriebene “Potenzial-Entfaltungs-Kultur”, durch Ressourcen-Suche und Ermutigung, durch ‘Wiederfinden’ der Gestaltungskräfte + der Innovationskraft, durch eine
    “Partizipations-Kultur”,… “Entrepreneurship Summit 2012” Berlin (54 Min) https://youtu.be/4CaWKQmPQFI + 2013-02 Dr. Gerald Hüther über die Fehler in unserem Schulsystem https://youtu.be/FmbCgaLAQiU + Eine Web-Seite für mehr Info’s und Kontakt/e http://www.schule-im-aufbruch.de/kino-filme-von-schulen/

  3. Lieben Dank für die September-Kolumne!

    Es muss irgendwie ein erhabenes Gefühl sein, endlich die Reife erlangt zu haben, auch Ratschläge von anderen Mitmenschen annehmen zu können. Sind es nicht oft sogar die besseren Ideen, die wir von ihnen zu hören bekommen?

    • Lieber Georg,
      mit Interesse u. Heiterkeit verfolge ich deine Geschichten zum Landleben, kann zu vielem Kopfnicken und denke, dass du ein begnadeter Schreiberling (Autor) bist. Wann schreibst du deine erste gebundene Geschichte oder sogar einen Roman?
      In Hochachtung, Peggy

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