Mein Landleben & anderes (5) – Security Kevin Müller

Security Kevin Müller

Es machte „krack“ und „rahtsch“. Das war mein Traum vom Landleben, der da zu Bruch ging. „Berufliche Visionen“, sagte er, „und dann ein Businessplan. Mut zur Lücke, Alleinstellungsmerkmal, Security Kevin MüllerGeschäftsmodell und Investitionen.“ Während des ersten Gesprächs mit dem Steuerberater wurde mein Bild vom einfachen und geerdeten Landleben zum komplizierten Schnittmusterbogen. Meine Körperhaltung und mein Gesichtsausdruck erinnerten an einen Koboldmaki, behauptete meine Frau Luise später. Nur spürte ich weder die Fähigkeit noch die Zuversicht, weit springen zu können. Luise griff mir unter die Arme, bugsierte mich ins Auto und fuhr uns nach Hause.
Dort lag ich tagelang mit dem Blick zur Decke auf dem Sofa und war nicht ansprechbar. Meine Frau war beunruhigt und bemühte sich sehr, mir zu helfen. Sie lud mehrere befreundete Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater ein, dass sie nach mir schauen. Aber keinem gelang eine vernünftige Kommunikation mit mir. Wenn sie dann mit Luise in der Küche saßen, ich nach wie vor abwesend auf dem Sofa, konnte ich doch jedes Wort verstehen. Ihre hilflosen Erklärungen reichten von „midlife crisis“, „neue Form von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“, „Landstarre“, „genereller Zusammenbruch des intellektuellen Zentrums“ bis „er verabschiedet sich allmählich“. Nichts von dem berührte mich wirklich. Erst ein Beitrag im Regionalsender (zu der Zeit dudelte bei uns ständig das Radio, um Luise über die Beklemmung in der Nähe meiner scheintot aufgebahrten Persönlichkeit hinwegzuhelfen) über steigende Kriminalität veränderte alles! Ein fingerschnipsender Hinweis und ich sprang aus meiner Starre, als wäre nichts gewesen.
Dann ging alles sehr schnell. So schnell, dass ich Luise nicht erklären konnte, was passiert ist und nun passieren würde. Nicht einmal ich wusste es. Tage- und nächtelang arbeitete ich am Computer und entwarf Konzepte, Portfolio, Businessmailing, Preislisten, Website, Flyer und Visitenkarten, als hätte ich ausgeschlafen und viel aufzuholen. Nach fünf Tagen saß ich bei meinem Steuerberater. „Security Kevin Müller. Personen- und Sachschutz für die brandenburgische Toscana“, las er laut vor, nachdem er sämtliche Materialien – ohne Kommentar aber mit hochgezogenen Augenbrauen – durchgearbeitet hatte. Er wiegte den Kopf anerkennend hin und her: „Mann, dieser Firmenname passt ja wohl sowas von hierher.“ Dann schnalzte er mit der Zunge und tätschelte meine Hand: „Da haben wir Sie ja völlig unterschätzt, mein Lieber.“ Und in diesem Tempo ging es weiter. Nach meinem Mailing standen Telefon und Fax nicht mehr still, mein Mailpostfach verstopfte. Ständig gingen Anfragen von regionalen Einrichtungen und potentiellen Auftraggebern ein. Erstere wollten mit mir für ihre touristisch sichere Landschaft werben, die anderen waren an meiner Dienstleistung interessiert. Ich hatte Luise überzeugt, zu Beginn meiner Karriere die Arbeiten einer Chefsekretärin zu übernehmen. Sie machte das gut, obwohl sie nicht wusste, worum es eigentlich ging.
Währenddessen kramte ich aus einer Bücherkiste auf dem Dachboden ein zerfleddertes Heftchen und studierte es intensiv. Der Titel der Broschüre lautete ungefähr „Judo für Anfänger“. Ganz sicher war ich mir nicht, denn mein Russisch war in den vergangenen Jahrzehnten sehr vermickert. Ich hatte es in meiner Kindheit von einem Soldaten der Sowjetarmee gegen zwei Wurstbrote getauscht. Jedenfalls brachte ich mir die Basistechniken mit einem Dummy bei, den ich vom Vorschuss einer baden-württembergischen Vereinigung für Schönheitschirurgie gekauft hatte. Sie wollten demnächst in einem abgelegenen Hotel in der Nähe tagen und hatten meine Firma mit dem Schutz ihrer teuren Privatwagen beauftragt.
So kam eins zum anderen. Ich begleitete prominente Filmschauspieler bei ihren Aufnahmen in abgelegene Dörfer, sicherte den Hangar mit dem geheimen Testmodell einer bedeutenden Autofirma auf einem alten Flugplatz, begleitete Politiker beim Baden, aber auch den heimlichen Besuch von Modeschöpfern bei einem dörflichen Feuerwehrfest und die wöchentliche Teilnahme einer Rockikone beim Line Dance in der Volkshochschule. Nie gab es einen Zwischenfall oder eine Komplikation. Alle Auftraggeber waren voll zufrieden, auch weil meine Mitarbeiter sehr diskret waren. Kein Wunder, denn ich hatte keine, aber das behielt ich für mich. „Je nach Umfang werden es fünf bis zehn sein“, warf ich lässig in den Vorgesprächen hin. Sie alle würden sich perfekt ans jeweilige Umfeld wie Natur oder eingeborene Dorfbewohner anpassen können.
Alles ging gut bis zu diesem einen Auftrag. Ich sollte die mitten in einem Ort aufgestellte riesige Plakatwand einer Einwohnerinitiative für Massentierhaltung bewachen. Geldgeber war ein Mäzen, der anonym bleiben wollte. Jedenfalls schaffte ich die zehnte Nacht in Folge nicht ohne Schlaf. Das Plakat wurde angezündet, brannte zum großen Teil ab und die Story ging durch die Presse. Merkwürdigerweise wurde in diesem Zusammenhang oft auch der Name meiner Firma erwähnt. In der Folge ebbten die Aufträge ab und blieben schließlich aus. Jetzt habe ich einen Saisonjob als Koboldmaki im Eberswalder Zoo, mein Leben ist einfach und geerdet. An den Wochenenden besucht mich Luise und weint ein bisschen.

1 Gedanke zu “Mein Landleben & anderes (5) – Security Kevin Müller

  1. In diesem Monat wieder eine bunte Geschichte zum Landleben, da bleibt dem aufmerksamen Leser das Schmunzeln nicht aus. Klasse! Ich habe schon immer Mal insgeheim daran gedacht den Beruf zu wechseln. Der hier offerierte Einblick in die Security Branche motiviert mich. Praktisch Geld verdienen für das Nichtstun, super das ist es! Wer macht mit, wir gründen eine Security Firma?

Schreibe einen Kommentar