Mein Landleben & anderes (4)

Das Grüßen auf dem Lande

Auf dem Land grüßt man, so selbstverständlich wie sonst nur das Atmen ist. Aber auch genauso verschieden. Mir scheint, es gibt körperliche Prozesse, die unterschiedliches Grüßen steuern. Vielleicht entwickeln sie sich durch das Leben in übersichtlichen Gruppen und in einer prägenden Landschaft ganz natürlich. Was dabei herauskommt, ist für Außenstehende nicht immer verständlich. Trotzdem scheint es einen Sinn zu haben, wie das Atmen in unterschiedlichen Situationen.
Ich grüße mit Hand und Stimme die Nachbarin und den Nachbarn, auch die Postfrau. Aber auch die Männer auf den Traktoren, in den Müllautos und auf den Kranfahrzeugen; selbst dann, wenn ich sie nicht gleich erkenne. Wenn ich durchs Dorf fahre, grüße ich die alten Frauen und Männer in den Hoftüren oder Gärten oder auf klapprigen Rädern. Ich grüße auch die in den Zweitaktern und die in polierten Wagen, man kennt hier fast jedes Auto.
Die älteren, männlichen Dorfbewohner sind einfach nur Männer: eine Hand lässig auf dem Lenkrad, eine auf dem Schenkel und gleichgültiges Gesicht. Wenn wir auf der Dorfstraße aneinander vorbeifahren, bewegt es sich kurz in meine Richtung, der Kopf scheint leicht zu rucken. Das kann auch vom Pflaster kommen. Außerdem sind sie schon alt. Ein enttäuschend karges Zeichen für den anschlusssuchenden Jung-Dörfler in mir.
Die Kinder grüßen deutlich und mit hohen Stimmen, dass man erschrickt. Sie müssen immer jeden grüßen, sagen die Eltern, man kann ja nie wissen … Noch immer grüße ich Menschen mehrmals am Tag, weil ich nicht sicher bin, ob ich es heute schon getan habe. Freundlich zurückhaltend grüßen wir gegenseitig die Wochenendgäste auf unseren Höfen. Einheimische Fremde grüßt man nur mit der Stimme. Das ist ein sehr kurzes Wort. Touristen, Ausflügler und Wanderer grüßen laut oder gar nicht und werden sparsam benickt. Aber es geht auch anders. Schon manches Pärchen auf chromblitzenden Rädern hat mich mit seinem Guten-Tag-Geplärre verstört und in eine wortwörtliche Verstockung getrieben. Auf meine Sense gestützt habe ich dann die Kühe auf der Weide hinter ihnen ausgiebig betrachtet. Ich kann das schon gut.
Mein Nachbar grüßt mit der Hand. So eine knappe Bewegung vor der Brust mit unbewegtem Gesicht. Meist aber hält er den Blick gesenkt, wenn er auf seinem Grundstück unterwegs ist. Oft bin ich unsicher, ob ich ihn stören und grüßen sollte, wenn er über den Hof schlurft. Aber er sieht vieles aus den Augenwinkeln. Er bemerkt sofort, wenn die Kinder hinten über den Zaun klettern. Blitzschnell wendet er sich vom Miststapeln ab und jagt auf die Gartentür zu. Er stößt sie auf und gießt von dort eine Flut von Flüchen über die Kinder aus.
Seine Frau wedelt mit der Hand am gehobenen Arm, wenn sie mich sieht. Dazu reckt sie sich auf die Zehenspitzen. Sie sieht dabei sehr lustig und klein aus wie ihr Gesicht. Wenn sie an den Gartenzaun kommt, um ein paar Worte mit mir zu wechseln, steht dieses Gesicht freundlich über ihrer Kittelschürze, nur ihre Augen schauen an mir vorbei. Sie sagt, dass ihr Mann Kinder sehr mag.
Wir grüßen hier auf dem Dorf wahrscheinlich auch, weil wir es brauchen, gegrüßt zu werden. Ohne Ausbrüche der Wiedersehens­freude und ohne besonderen Anlass. Manchmal beginnt auf diese Weise ein langes Gespräch. Inzwischen kann ich auf unterschiedliche Arten grüßen: das Kopfnicken, die Handbewegung, der kurze Laut, der Handschlag und das sture Glotzen mit einem nach innen gepressten Hm-Ton. Nach mir unbekannten Regeln wendet mein Körper all die Grußformen inzwischen passend an.

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt!

1 Gedanke zu “Mein Landleben & anderes (4)

  1. Tatsächlich ein Orakel mit diesem Grüßen. Es ist wohl auf dem Land die minimalistische Form eines abstrakten Dialogs. Öfters kommt es bei mir vor, das ich vertraulich gegrüßt werde und ich die Menschen gar nicht kenne. Neulich wieder im Meeting, strecken sie mir doch alle wieder ihre Hände entgegen. So gerne würde ich mir diesen Bazillenaustausch sparen. Mit meinem Hausarzt habe ich schon die populäre asiatische Grußformel “Wai” vereinbart. Wenn wir uns dann doch die Hand geben, gibt es immer ein Grund zum Lachen.

Schreibe einen Kommentar