Mein Landleben & anderes (3)

Rollenspiel und Rollentausch

Meine Frau Luise ist krank und im Haus hat sich ein großes Leiden bequem eingerichtet. Es füllt alle Räume, den ganzen Tag vom Morgen an und jedes Gespräch. Es ist nicht so, dass Luise wehleidig wäre oder gar nicht belastbar. Eher im Gegenteil. Im normalen Alltag ist sie taff, kann anpacken und hat eine sogenannte Kodderschnauze. Aber wenn sie krank ist, dann leidet sie und alles um sie herum mit. Ich weiß, dass das eigentlich über Männer gesagt wird. Gerade in den Wintermonaten muss ich mir das von allen möglichen Frauen, mit denen ich beruflich zu tun habe, erzählen lassen. Oder sie erzählen es sich gegenseitig. Und ich muss zuhören, weil ich gerade daneben stehe. „Och, der Arme hat einen Schnupfen und gleich geht die Welt unter. Am liebsten sollten die Kinder dann bei meiner Mutter bleiben, dass ich nur neben seinem Sofa sitze.“ „Genau, wenn meiner mal Kopfschmerzen hat, geht gar nichts mehr. Dann muss ich sogar das Anmachholz selbst spalten. Die Körbe mit dem Brennholz hole ich sowieso schon alleine. Männer!“ „Sage ich doch, Männer!“ Ich kenne ihre Männer nicht, wundere mich aber über die Geschichten im Stillen und sage nichts. Genauso still leide ich, wenn ich krank bin. Vielleicht hat bei Luise und mir jemand die Rollen vertauscht. Einfach so aus Spaß, um mal was anderes auszuprobieren.
Wie jeder Mann, der spürt, dass ein neues Zeitalter in der Beziehung von Frau und Mann angebrochen ist, habe ich lange darüber nachgedacht. Wie jeder Mann, der von sich glaubt, dass er ein moderner Mann sein will, informierte ich mich und holte mir Hilfe. Inzwischen kenne ich sämtliche Rollenklischees und ihre Gegenentwürfe aus den Ratgeberbüchern. Aber geholfen hat nichts. Ich fühle mich verloren in diesen Rollenspielen. Zum Beispiel kann ich wunderbar zuhören. Ich kann das ewig, ohne dass ich den Drang verspüre, etwas zu sagen. Luise dagegen fällt mir regelmäßig ins Wort, wenn ich versuche, ihr ein Problem und seine Lösung zu erklären. Oder wenn ich von einem Erlebnis erzählen will, was mich sehr bewegt hat. Sie beginnt dann nach meinen Einführungsworten sofort zu sprechen und es dauert sehr lange, bis sie am Ende ist. Dann schaut sie noch eine Weile in die Ferne, dann mich irritiert an und sagt: „Was ist, du sagst ja gar nichts!“ Richtig, ich sage nichts mehr. Was auch, so schnell kann ich mich nicht auf ihr Thema umstellen.
Oder einparken. Luise parkt überall auf der ganzen Welt so sicher und selbstsicher ein, als wäre diese kleine, enge Lücke der alltägliche Parkplatz ihres Autos auf unserm Hof. Oft scheint mir, dass sie gar nicht genau hinschaut dabei. Wenn das Auto dann steht, ich langsam wieder aus meiner Anspannung erlöst werde und hörbar ausatme, kommt von ihr: „Was ist?“ Ich japse: „Wie geht das?“ Sie: „Weibliche Intuition.“ Ich dagegen habe im Laufe unserer Beziehung regelmäßig mein eigenes Auto als auch Luises irgendwo dagegen gefahren. Habe beim Ein- und Ausparken schräg gewachsene Straßenlinden touchiert, wurde von unsichtbaren Bordsteinen gestoppt, der Spiegel eines anderen Autos stand zu weit heraus, Feldsteine lagen plötzlich im zu hohen Gras am Wegrand oder die Gangschaltung spinnte, so dass ich uns fast rückwärts in eine Schlucht gestürzt hätte. All das ist nicht einfach zu verkraften, als Mann.
Einmal habe ich den Versuch gemacht, unsere Rollen so zu verteilen, dass es passt. Wir hatten den Campingbus gepackt, um eine mehrwöchige Rundreise zu machen. Ich schlug Luise vor, dass sie doch fahren könne. Und so machten wir es auch, Luise saß völlig entspannt hinter dem Lenkrad. Wenn ich etwas sagen wollte, hakte sie ein und erzählte von dem, was ihr so durch den Kopf ging. Hatte sie geendet und es wurde mir irgendwann langweilig, begann ich einen neuen Satz und sie übernahm den Monolog. Ich vergaß schnell, worüber ich reden wollte. Auch ich war völlig entspannt und genoss die vorbeiziehende Landschaft. Währenddessen hatte ich das Nähzeug ausgepackt und flickte eine Hose, welche schon lange im Nähkorb gelegen hatte. Ab und zu reichte ich Brote, Gemüse und die Trinkflasche. Aber irgendwie änderte sich allmählich die Stimmung im Bus, eine Spannung machte sich breit. Bis Luise abrupt auf einen Parkplatz abbog, aus dem Bus sprang und draußen nur die Worte schrie: „Das geht überhaupt nicht!“ Mehr wurde nicht gesagt. Ich stieg wortlos aus, wortlos tauschten wir die Plätze und wortlos vergingen die folgenden Stunden unserer Fahrt. Ich fuhr aufmerksam und brachte uns unbeschadet an unser erstes Ziel. Es wurde ein schöner Urlaub. Wir haben nie wieder darüber gesprochen, so dass ich bis heute nicht weiß, wie das mit dem Tauschen und Spielen der Rollen nun wirklich gut gelingt. Vielleicht brauche ich dazu noch ein weiteres Leben.

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