Mein Landleben & anderes (12)

Mein Landleben & anderes (12)

Grundkurs: Schafe halten

Wer auf’s Land zieht oder auf dem Land lebt, braucht unbedingt Tiere in seiner näheren Umgebung. Das versteht sich von selbst. Sonst hätte er ja auch in der Stadt bleiben können. Sicherlich gibt es auch in der Stadt Tiere. Doch schauen wir einmal hinter den Jubel, dass die Wildnis sich die Stadt zurückerobert, dann sehen wir zwei abstruse Entwicklungen. Die einstmals wilden Tieren wie Füchse und Tauben zeigen ein Verhalten, als wollten sie adoptiert werden. Die sogenannten Haustiere aber sind meist an ihr dort beschränktes Leben so gewöhnt, dass sie ihren Haltern nach einiger Zeit keine Freude mehr machen. Sie verlieren ihre Ursprünglichkeit, wegen der sie ja eigentlich mal erworben wurden. Die ihnen verordneten Namen, Einschleimbezeichnungen und auch überfüllte Tierheime sollten dafür als Beweise reichen.

Also zurück (oder voran) zum Landleben mit Tier. Man kann sich natürlich seinen neuen Wohnort danach aussuchen, ob Nachbarn Tiere besitzen. Eine weitere Variante wäre, nach einer ausgedehnten Kuhweide oder Pferdekoppel Ausschau zu halten, neben der man dann lebt. Wem das nicht reicht, der sucht einfach im örtlichen Telefonbuch nach einer industriellen Tieranlage. Da hat man mit einem Schlag einfach viel Tier in seiner Nähe. In der einschlägigen Ratgeberliteratur für Stadtaussteiger wird zwar von der Nachbarschaft zu Schweinemastanlagen, Legehennenbatterien und Milchverarbeitungsanlagen abgeraten. – Die Reizüberflutung für den Ex-Stadtbewohner wäre zu groß. Nicht, dass er daran nicht gewöhnt wäre. Aber Lärm und Geruch von Maschinen in der Stadt seien einfacher körperlich zu integrieren als von Lebewesen. Sollen Forscher herausgefunden haben. – Also ich denke, ein Herdenfan sollte das einfach mal ausprobieren. Sich für den Anfang in einer Ferienwohnung in der Umgebung einer solchen Anlage einmieten. Eventuell berauscht ihn der konzentrierte Geruch von Gülle so sehr, dass er demjenigen das Bedürfnis nach synthetischen Drogen aus seinem einstmals urbanen Umfeld ersetzt. Dann kann er zum Betreiber der Anlage wegen eines Jobs gehen. Schließlich hat er auf diese Weise sein Hobby zum Beruf gemacht.

Aber das sind alles nur schwache Versuche, sich ein neues Leben (und das soll es ja auf dem Land werden!) mit Tier oder Tieren einzurichten. Am besten ist also der lohnende Versuch, selbst welche zu besitzen. Ich rate da gern zu Schafen. Denn die sind Stadtbewohnern ähnlich: Sie haben hohe Ansprüche, können aber auch unter schwierigen Bedingungen überleben und finden zudem noch etwas Positives daran. Ja, auch Schafe haben eine Seele. Deshalb ist es wichtig, sich über die Wahl der Schafrasse, des einzelnen Charakters, der Anzahl der Tiere und des Lebensraums klar zu werden. Fährt man zu einem Schafhalter, sollte man vorher wissen, ob der Tiere verkaufen will. Ist dem eigentlich nicht so, ergibt sich ein Problem. Nein, nicht jenes, dass man mit leeren Händen zurückkommt, sondern mit leeren Taschen. Da das Geld, welches für den Hausbau oder -kauf geplant war, für einen unverschämten, aber selbst verschuldeten Handel draufgegangen ist. Also sollte man vorher im internationalen Netz recherchieren, Angebote einholen, Preise vergleichen, ausgiebig Kundenrezensionen lesen.

Die Wahl der Rasse ist einfach: Man entscheidet sich nach dem Aussehen. Schließlich wird man seine Schafe später tagtäglich vor Augen haben, also sollten sie schick sein. Das ist wie mit der eigenen Kleidung. Die Sache mit dem Charakter gestaltet sich schwieriger. Hat man den Schafverkäufer seiner Wahl gefunden, ist dort ausreichend Zeit vonnöten. Denn bekanntermaßen haben Schafe einen Tagesrhythmus, der aus 8 Stunden grasen, 8 Stunden wiederkäuen und 8 Stunden schlafen besteht. Ist man also zur falschen Zeit am richtigen Ort, hilft nur Geduld. Schließlich muss man das Wesen des Schafes lesen. Das ist schwierig, wenn sie gerade in einer Ecke herumlungern, an dem Besucher nicht interessiert sind und nur meditativ in die Ferne starren. Oder pennen. Sind sie auf der Weide unterwegs, bekommt man einen hervorragenden Einblick in ihre Eigenheiten, Schwächen und Stärken. Am besten folgt man ihnen dabei unbemerkt. Auf keinen Fall sollte man sich für sogenannte Grenzgänger entscheiden. Das sind Schafe, denen das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner und verlockender erscheint als auf der eigenen Weide. Sie versuchen mit allen Mitteln und Tricks dorthin zu gelangen. Nur wer sportliche Extremsituationen regelmäßig liebt, über zu viel Zeit verfügt oder seinen Vertrag im Fitnesscenter gerade gekündigt hat, sollte sich dieser Herausforderung stellen. Allzu ruhige und sich vereinzelnde Tiere sollte man auch nicht wählen. Wer will jeden Tag ein lethargisches und griesgrämig dreinblickendes Etwas vor sich haben? Gerade bei diesen langanhaltenden Schlechtwetterlagen in unserer Region ist Frohsinn nötig. Also Mut zum lustigen Schaf, sage ich nur. Es ist nicht einfach zu finden, aber die Anstrengung lohnt sich.

Die Größe der eigenen Herde sollte man nicht knausrig bemessen. Denn es leuchtet ja jedem sofort ein, dass mehr Schafe mehr Freude bereiten als wenige. Eine Faustregel besagt, die Menge der Schafe an der Anzahl von Familienmitgliedern plus gutwilligen Freunden auszurichten. Erstens hat man dann genug Namen, die zu vergeben sind und zweitens gibt es damit für jedes Schaf einen personalisierten Paten. Wenn also aus einem absurden und eher unwahrscheinlichen Grund eine Notsituation auftreten sollte, kann man die Verantwortung abgeben. Aber auch für weniger prekäre Situationen hat man damit immer eine schnelle Lösung an der Hand. Zum Beispiel sollten Schafe in erster Linie dekorativ an der richtigen Stelle stehen. Dafür sorgen dann die Paten, wenn die Tiere das noch nicht selbst können. Auch lässt es sich nicht umgehen, dass die Schafe mal den Weideort wechseln. Das bedeutet, jedes Tier benötigt einen helfenden Menschen, da Schafbeine relativ kurz sind. Also sollte man sich gleich zu Beginn der Schafsplanung mit einer ausreichenden Menge an Wochenend-Dörflern anfreunden, damit sie dies übernehmen. (Vom Versuch, Einheimische dafür zu begeistern, wird abgeraten.) Man tut diesen Menschen sogar einen Gefallen, wenn man ihnen solche Aufgaben übergibt. Sie werden begeistert sein, weil sie ja in ihrer knapp bemessenen Outdoorzeit das Abenteuer suchen. Das Thema der passenden Weide kann man getrost bis zum Eintreffen der Schafe hinausschieben. Eine grüne Fläche findet sich meist spontan. Entweder ist es der eigene Vorgarten, der umgenutzt wird. Oder der des Nachbarn. Beliebt sind auch gut gepflegte Dorfplätze und Baumschulen. Außerdem eignen sich nahegelegene Fußballstadien. Dabei ist zu beachten, dass man sich mit dem ortsansässigen Verein wegen der Nutzungszeiten abspricht, um den Schafen nicht übermäßigen Stress zuzumuten. Abzuklären ist auch, ob es sich bei der Fläche um Kunstrasen handelt. Davon raten viele Handbücher ab, da diese Art aufgenommenes Gras später als Schafskot nicht verwittert. Hat man viel Freizeit, kann man auch mit den Schafen herumziehen. Dazu, genau wie für die Themen niedliche Lämmchen, Fortpflanzung und Widder, gehören aber einige Fertigkeiten und eine Portion erweitertes Fachwissen, welche in einem Aufbaukurs vermittelt werden.

Werde aktiv und teile über:

3 Gedanken zu “Mein Landleben & anderes (12)

  1. Hallo Georg, danke für die aufheiternde Story über Schafhaltung!
    Wir haben das Thema Schafe aus persönlichen Erfahrungen mit unseren Schafähnlichen Nachbarn in der Großstadt ausgeklammert und einer lang gehegten Sehnsucht nach den wesentlich schlaueren und anspruchsvollen Eseln den Vorzug gegeben. Diese sind sehr begabt darin ihren Charakter unbeeindruckt von und völlig entgegen aller erhältlichen Fachliteratur auszuleben. Der Weg zur geplanten tiergestützten Therapie scheint sehr langwierig und steinig zu werden, außer man betrachtet es von der anderen Seite. Dann wäre diese Therapieausbildung von Seiten der Esel wohl schon sehr erfolgreich. Demnach kann ich den Bauernhof Neueinsteigern diese Variante nur bedingt empfehlen. Den Daumen hoch bekommen definitiv Katzen und Hunde, da sie bei genügend Toleranz den Alltag erheblich aufheitern und definitiv zur Fütterung vor Ort sind. Bei der Auswahl des Bettes sollte jedenfalls auf genügend Platz für die Mitschläfer geachtet werden. Die Ausgrenzung eines absoluten Herdentieres wie dem Hund in einen Zwinger wird ein gut informierter Zugezogener hoffentlich nicht in Betracht ziehen. Wenn einem die Idee aufs Land gezogen zu sein mal wieder übereilt erscheint, dann hilft ein Ausflug nach Berlin mit dem Auto zur Stoßzeit…

  2. Hallo Georg, Sie haben es wunderbar verstanden Anfängern die Schaafhaltung nahe zu bringen. Mit viel Humor und Fachwissen. Da ich selbst eine Zugereiste bin und eben genau diese Wuensche umsetzte habe ich mich in Ihrer Kolumne selbst gesehen! Vielen Dank für diese schöne Lektüre!

Schreibe einen Kommentar