Mein Landleben & anderes (1)

Abnabeln des Vaters

Irgendwann verlassen die Jungen das Nest. Zurück bleibt ein kinderloses Kinderzimmer, das auf keinen Fall verändert werden darf. Immer wenn man es betritt als Vater, würgt es im Hals und man riskiert einen emotionalen Absturz im sonst gefestigten Alltag. Jetzt wünscht man nichts sehnlicher als sein nerviges Kleines in kniehoher Größe zurück, um dann alles besser zu machen.
Bei uns ist das anders. Ich als Vater verlasse das Heim, ziehe fort in die Fremde. Meine Tochter bleibt in der vorher gemeinsamen Wohnung. Ich gehe aufs Land. Wir sind sehr verschieden, meine Tochter und ich. Sie trägt Hackenschuhe, kleine Schwarze und weiß immer, wieviel Geld sie schon für ihre spätere eigene Wohnungseinrichtung gespart hat. Mir sind weite Schlapperklamotten wichtig und ich freue mich, wenn ich auf Feldwegen an Weiden entlangwandern kann. Sie nennt mich Müsli, ich sie Großstadt-Tussi. Das ändert nichts daran, dass ich nicht weiß, wie ein Vater seine Tochter allein in diesem Dschungel aus Gier, Neid, Verbrechen und zwielichtigen Gestalten mit gutem Gewissen zurücklassen kann. Ich sage Ihnen, es fühlt sich beschissen an.
Ich mache mich daran, meinen Kram in die Umzugskisten zu packen, das dauert. Es dauert noch viel länger. Immer wieder fällt mir ein, was ich noch brauchen könnte in den verbleibenden Wochen, die ich noch hier bin. Also muss ich es jetzt suchen, solange ich mich noch erinnere, und wieder auspacken. „So wird das nichts, Paps“, sagt meine Tochter. Sie fasst mit ihrer kleinen Hand unter mein Kinn und dreht meinen Kopf herum: „Du musst Abschied nehmen. Mehr als die Zahnbürste und deinen Wecker brauchst du hier nicht mehr.“ Dann legt sie fest, dass sie mit ihrer Freundin morgen weiter einpackt.
Sie hat gut reden. Nach 13 harten Jahren Schulzeit lässt sie sich „hängen und chillt“. Nein, nicht dass sie gar nichts tut; sie beschäftigt sich lediglich mit dem, was ihr Spaß macht. Sie jobt, trifft sich mit Freundinnen, ist mal richtig krank. Sie bringt sich die ersten Fertigkeiten an meiner Nähmaschine bei, die ich ihr großzügig überlasse. Laut überlegt sie, ob sie mit ihrem Freund wirklich eine Familie gründen will. Im Klartext heißt das, ob er mit zu ihr in die Wohnung ziehen sollte. Damit wären für sie die Weichen fest gestellt – für die sich danach Jahrzehnte erstreckende Zukunft mit allem familiären Sonnenschein. Oder ob er vielleicht doch nicht der richtige Typ für ihre Vision ist. Ihre Bedenken sind nicht aus Luft, da er es schafft, schon am 12. des Monats nichts mehr von seinem gesamten Zivi-Gehalt zu haben.
Sie fragen jetzt sicherlich, was mir denn so schwer fällt. Es ist die Vorstellung von ihrem Leben, in dessen Alltag ich nicht mehr vorkomme. Die eigentliche Frage aber ist, wie nabelt ein Vater sich ab? Ich beneide unsere Vorfahren, wo die Kinder weggingen, einen Bruch machten, sich stritten oder die Alten beschuldigten. Da war alles einfach und klar. Jetzt nimmt meine Tochter mich in den Arm: „Du schaffst das schon, ich bin ja nicht aus der Welt.“

1 Gedanke zu “Mein Landleben & anderes (1)”

  1. Klasse! Eine bewegende Geschichte, die Trennung und ein Stück der Gefühlswelt von Eltern lebendig werden lässt. Nachfühlbar und bildhaft beschrieben. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung dieser Reihe im nächsten Monat. Herzlichen Dank für den Beitrag.

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