Mein Landleben & anderes (2)

Der ländliche Geheimbund

Ich lebe noch nicht lange in diesem Dorf. Aber eine Hand voll Menschen kenne ich schon. Das hat sich ergeben aus den alltäglichen Notwendigkeiten auf dem Lande. Ein Paket für uns wurde zwei Häuser weiter abgegeben. Für unseren Ofen brauchten wir Holz, was beim Bauern, der eigenen Wald besitzt, zu bekommen ist.

Die Wildnis hinter unserem Haus musste im ersten Sommer gezähmt werden, da sie nur aus Disteln bestand. Dafür hatte ein anderer genau den richtigen Balkenmäher, mit dem er die zukünftige Schafweide rasierte. So also traf ich diese Menschen das erste Mal, sie aber schienen mich schon vorher zu kennen und wussten viel über mich. Dabei war einiges, was mir selbst unbekannt war. Ich lernte mich also neu kennen. Während ich über sie kaum etwas erfuhr, denn mit Sätzen über sich selbst oder andere Dorfbewohner waren sie sparsam.

Je öfter sich das wiederholte, verstärkte sich in mir ein unheimliches Gefühl. Sah ich Männer doch sonst mindestens eine dreiviertel Stunde neben einem Traktor mit laufendem Motor angeregt debatieren. Oder zwei Frauen am Gartenzaun so lange ins Schwatzen vertieft, bis der Bus die Straße entlang schaukelte. So dass die eine ihre Arme ogottend über den Kopf warf und losrannte. Es ist der einzige Bus am Tag, der unser Dorf an fährt. Untereinander haben sie sich also viel zu erzählen, aber nicht mir. Mein Gefühl sagt mir, dass etwas dahinter steckt: Rituale und Kodex eines ländlichen Geheimbundes.

Gestern zum Beispiel stehe ich mit dem Schmied wegen eines abgebrochenen Spatens vor seiner Werkstatt, als mein Nachbar dazu tritt. Er gibt mir die Hand und beginnt sofort mit dem Schmied ein Gespräch. Es geht um ein schlecht angeschweißtes, nun rostiges Maschinenteil in seiner Hand, das ich nicht zuordnen kann. Ich lausche der Fachsimpelei, will etwas dazu beitragen und brummele „Materialermüdung“. Beide schauen verständnislos auf. Widerwillig versuchen sie mir abwechselnd und sich gegenseitig widersprechend zu erklären, worum es hier eigentlich geht. An ihren Blicken auf mich sehe ich, dass sie sich nur in einem Punkt einig sind: dass ich keinen blassen Schimmer habe. Trotzdem erklären sie mir ausschweifend, wo das Teil an der Drillmaschine angebaut ist, warum und was passiert, wenn nicht. Ich höre zu, stehe dabei, nicke und habe das gute Gefühl, einer von ihnen zu sein. Wieder in den Streit verwickelt, wer das nun verbockt hat, stapfen sie zur Werkstatt. Der Schmied hebt noch kurz eine Hand, bevor sie durch das Tor verschwinden. Soll ich ihnen folgen oder war das ein Abwinken?

Für einen Moment ahne ich, wie es sein würde, gar nicht beachtet zu werden. Es wäre schlimmer, als hätte ich kein Geld. Ich könnte über sämtliche Landwirtschaftsgeräte, -methoden, Tiere und das Wetter Bescheid wissen, sie würden durch mich hindurchsehen. Ich wäre dann nicht bloß dumm, blöd oder störend, ich wäre nicht da. – Bis jetzt weiß ich nicht, wovon es abhängt und wer entscheidet, ob einer wie ich beachtet wird. Ich weiß auch nicht, wo der Geheimbund tagt, ob sie über Neuaufnahmen intern abstimmen oder ein Orakel befragen. Ob sich in ihrer Mitte ein zerknitterter, gebeugter Alter aufrichtet und das Urteil spricht. Aber es scheint auf jeden Fall etwas wie ein Kredit zu sein, den man dann bekommt. Ein kleiner wurde mir wohl bewilligt. Nun arbeite ich mit einem Secret-Coach daran, vollwertiges Mitglied des Bundes zu werden. Und dann werde ich auch alles über alle wissen.

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1 Gedanke zu “Mein Landleben & anderes (2)

  1. Klasse! Vielen Dank für diesen Beitrag. Mit welchen Anstrengungen habt ihr den schon versucht den geheimen Verhaltenskodex zu knacken? Tatsächlich muss der hier beschriebene Geheimbund so etwas wie eine unsichtbare Cloud sein, so wie diese modernen Unbegreiflichkeiten. Die Mindestvoraussetzungen für ein Probezeit sind: Immer sein Auto in die Garage fahren, seinen Rasen spätestens jeden Freitagnachmittag zu mähen, auch wenn er noch nicht die mörderische Höhe von 2,7 cm erreicht hat, das Unkraut auf dem Gehweg vor dem Dorf-Erntefest zu entfernen, einmal jährlich beim Dorfklub mitmachen wenn rund ums Dorf die Papierschnipsel aufzulesen sind, seine Hecken in geometrische Standards zu trimmen, .. Und solange man nicht den Geheimbund knackt, bleibt man halt ein “Berliner” Ach, oft soll es ja helfen bei der Feuerwehr Mitglied zu werden. Have a lot of fun..

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